Bielersee-Ultra: Einfach organisierter Lauf auf schöner Strecke
 

Gute Aargauer Resultate bei Sonnenschein und recht hohen Temperaturen

R U B I – wer mag sich nicht an dieses Kürzel erinnern: es steht - nicht, wie die ersten rund 30 Google-Einträge vermuten lassen, für die Gespielin eines südländischen Staatschefs, sondern – für Rund um den Bielersee. Dies war ein auf der zweiten Streckenhälfte sehr anspruchsvoller Lauf, welcher mit 45 km angegeben wurde.
Gabi Birrer, welche diesen RUBI einige Male bestritten – und gewonnen – hat, klärte mich auf: „Weißt Du, man nahm das nie so genau mit den Distanzen! Sicher waren es 45 „Leistungskilometer“ – anhand meiner damaligen Marathonbestzeit muss es wohl auch grad’ ein Marathon gewesen sein. Meine Erinnerung an den R U B I geht so ca. ins Jahr 1980 zurück: Mein Vater Maus, damals nicht viel über 40 und top zwäg, bestritt diesen Wettkampf und auf der zweiten Streckenhälfte, welche über die Weinberge nach Biel zurückführte, litt ich als Velobegleiterin wohl noch mehr als Maus selber: während er in einem flotten Tempo gegen Biel rannte, musste ich es jeweils schaffen, das Velo abzustellen, Kaffee oder Wasser in einen Becher zu giessen, mit Maus mitlaufen, dann wieder zurück zum Velo, einpacken, aufs Velo, wieder Maus hintennach, Vorsprung rausholen, Velo abstellen, Getränke auspacken, mitlaufen, verpflegen, zurücklaufen, Getränke einpacken, usw.

Im 2009 liess ein junger Mann, Christoph Allemann, den R U B I wieder aufleben; zwar nicht mehr als R U B I, sondern als Bielersee-Ultra; es war nicht schwer, die Distanz auf 50 km zu verlängern, er hängte einfach noch die St. Petersinsel dran, was hin und zurück ziemlich genau 10 km ergibt. Auch verzichtete er auf den Rückweg über die Rebberge und wählte den Rad-/Wanderweg entlang des Bielersees, was zwar nicht so malerisch ist – vor allem nicht von ca. km 44 – 49 mit den vielen Autos nebenan - , dafür kann man den Rhythmus – wen man noch mag – behalten!
Um die 30 Leute machten an den ersten beiden Austragungen in den Jahren 2009/10 mit; diesmal legte Allemann der Hunderter-Ausschreibung einen kleinen Flyer bei und die Teilnehmerzahl schnellte dadurch um rund 400 % in die Höhe. Das Meldeprozedere ging äusserst einfach vonstatten: wer angemeldet war, war auf einer Liste und Allemann höchstpersönlich verteilte die Nummern: das ging so: der/die Erste, welche(r) eintraf, erhielt die 1, der/die Zweite die 2 usw. So hatte er, bevor er und sein Kollege 5 Minuten vor dem Lauf die Startinfos durchgaben, auch gleich die exakte Teilnehmerzahl (wäre wohl am GP nicht möglich...).

Es waren viele bekannte (Ultra-)Gesichter auszumachen, wobei die LV Baselland wohl das grösste Vereinskontingent stellte. Nebst Ueli Aeschlimann aus Gippingen, waren auch noch meine Aarauer Kollegen Peter und Daniela Nusseck, Peter Steffen, Kurt Wiederkehr und Cecil Danao am Start. Man merkte sofort: alles erfahrene Langstreckenläufer. Kein Gehetze nach dem Start, keine Schnellstarter – ruhig gings los durchs Nidauer Aussenquartier. Die Sonne brannte schon ordentlich. Es folgten aber vorerst etwas schattige Passagen durch kleine Wälder und wunderbare (z.T. geschützte) Ufer- und Riedgebiete. Das Feld zog sich sofort in die Länge und gäbe es den Buchtitel nicht schon, man hätte ihn gestern gleich erfinden können: „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Wer Gelegenheit hat, dem empfehle ich eine Wanderung oder ev. Radtour entlang jener Seite des Bielersees. Wirklich schön! Es hat auch wunderbare kleine Beizlis, wobei mir das „See-Pintli“ nach rund 6 km besonders in die Augen stach; an und auf den Campingplätzen herrschte Hochbetrieb. Wir Läufer aber wurden kaum bis gar nicht wahrgenommen, manchmal empfand ich sogar, dass wir störten. So waren also die ersten rund 19 km sehr schön und sehr abwechslungsreich. Ich versuchte, mein Tempo zu halten und hatte im Sinn, es bis ins Ziel durchzuziehen. Die Verpflegungsposten waren sehr einfach gemacht. Campingtisch und –stuhl, Wasser und Cola – das musste reichen. Jedoch waren an rund 5 – 8 Orten das Wort Wasser an den Boden geschrieben, dort hatte es Brunnen. In Erlach, bei km 19, also eingangs des Weges zur St. Petersinsel, war ein Doppelposten, d.h. dass man beim Ausgang nochmals am selben Posten vorbeikam; dort hatte es auch ein Kistli mit Eigenverpflegung.

Tja, und dann gings eben auf diese Insel hinaus. Am Anfang, nach Erlach, dort ist sie wirklich ganz wenig abgetrennt vom Festland, verläuft der Weg einfach mal schnurgerade rund 2,5 km. Mir kam das Race across America in den Sinn: kein Mensch weit und breit, die Sonne senkrecht am Himmel und ich rannte auf einer staubigen Strasse





Einmal schaute ich nach hinten, ob mir noch jemand auf den Fersen sei; ich war unsicher, ob ich auf dem richtigen Weg war.
Dann kamen mir die beiden Führenden entgegen: Samuel – welch schöner Name – Nef und Michael Misteli (übrigens wurden sie gelotst vom Organisator Allemann selber – auch das übernahm er also noch...). Gegen Ende der Insel gabs noch ein kleines Ründeli ums Kloster, was ebenfalls sehr malerisch war. Beim Kloster hatte es wieder eine Verpflegungsstelle. Im Restaurant war man grad’ dran, weiss zu decken....
An einem wunderbaren Bauernhof vorbei gings nun wieder zurück und wir bogen wieder auf die lange Staubstrasse ein. Daniela und Cecil kamen mir dort guten Mutes entgegen. Viel (die meisten) weiteren Läufer ebenfalls und dies war eigentlich das einzige Mal, dass wir etwas Applaus erhielten. Nach dem Brüggli, welches uns wieder mit dem Festland verband (und eben besagter Eigenverpflegung) kam eine wunderschöne Passage nach Le Landeron; ich wäre noch gerne etwas länger auf diesem schönen Wurzelwegli im Wald gerannt. In Le Landeron war einige los am Strand und in den Restaurant, doch wir Läufer interessierten überhaupt nicht. Das habe ich wirklich noch nie so erlebt! La Neuveville folgte und somit waren wir auch wieder mal auf Asphalt. Dies war nun bis zum Ziel unsere Unterlage. Bis Ligerz hatte ich keine Probleme, dann merkte ich etwas Müdigkeit, was mich nicht sehr erfreute.

Nach Twann waren am Boden drei Ziffern, getrennt durch ein Komma geschrieben:
4 2 , 2; ich schaute kurz auf die Uhr und die zeigte ziemlich genau 12 Uhr 17 an; ich hatte also für den Marathon 3 h 17 benötigt; ich war zufrieden, wenn ich mir auch etwas lockerere Beine vorgestellt hätte. Irgendwie wollte ich nun den Mund mal wieder auftun
(schon lange nicht mehr geschwatzt, gäll Jackie...). Ich musste zwei Anläufe nehmen – dermassen eingetrocknet war er (mir kam das Gegenteil in den Sinn: Alpine-Marathon 1993, wo ich vor Kälte den Mund nicht mehr kontrollieren konnte und er nur noch klapperte...). Ich holte noch einen Läufer ein (im Ganzen waren es wohl nur etwa 6 Läufer, welche ich ab km 15 überholte) und zusammen gings nun der Autostrasse entlang in Richtung Expo-Plage, welche man schon von weitem sah. Mein Tempo war nicht mehr grandios – dasjenige meines Kollegen auch nicht mehr. Nun stand am Boden „noch 1 km“ und ich war echt froh, waren wir schon so weit. Doch auch der Eingang in den Seepark musste erkämpft werden: just beim engen Parkeingang watschelte – anders kann man es nicht nennen – eine 4-köpfige Familie (Mutter mit Kühltasche und Tasche mit Tüechli, Vater mit Sonnenschirmen): das Schwierigste war, am Sohn vorbeizukommen: der steckte nämlich in einem Dinosaurier-Schwimmring und hatte bereits die Flossen an. Doch auch dies schaffte ich und in einem wirklich nicht mehr berauschenden Tempo liefen wir beim Strandbad Biel – nicht ohne noch über zwei Brücken mit Steigung und Gefälle zu laufen – ins Ziel. So wenig Applaus hatte ich noch nie... aber was solls: 90 % der Strecke waren schön und schlussendlich war ich sogar mit 3 h 57 unter 4 h(mein oberstes Ziel – ich hätte aber auch mit einer Zeit von 4h15 leben können).
Einziger Minuspunkt: meine Blasen an den Zehen. Da muss ich mir noch Gedanken machen betreffend künftiger Schuhwahl...

Nach dem Presseinterview gings erst mal ins Strandbad, wo ich mir – bei 18° - einen kurzen Schwumm genehmigte. Wenn man drin war, wars richtig angenehm. Die paar Schwimmzüge taten enorm gut.

Danach warteten wir ellenlang auf Daniela und Cecil. Da ich die beiden so munter gesehen habe kurz vor der Hälfte, war mir etwas mulmig. Irgendwann dann, nach rund 5 ½ Stunden kam Daniela – erstaunlich locker und frisch. Sie berichtete uns, dass sie und Cecil und noch zwei/drei weitere Männer vor Le Landeron wohl eine Abzweigung verpasst hätten und in Richtung Neuenburgersee gerannt seien. So kamen nochmals rund 7 km (!!!) dazu. Es war erstaunlich, wie gut Daniela dieses Missgeschick annahm. Auch Cecil kämpfte sich noch ins Ziel, wenn auch mehr marschierend.
Die beiden taten mir wirklich leid. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es manchmal nur 10 Sekunden Unachtsamkeit braucht und schon hat man einen Pfeil nicht bemerkt.
Auch Danielas Mann Peter musste einen Konzentrationsfehler beklagen: er stürzte über eine Wurzel und hatte an diversen Stellen Prellungen und Schürfungen. Ich hoffe, dass die nächsten Wettkämpfe für die Nussecks wieder erfolgreicher verlaufen werden.

An der Rangverkündigung – natürlich ebenfalls vorgenommen von Chr. Allemann -
gabs für die Kategoriensieger eine Flasche „Ligerzer“; ich werde diesen mit Bedacht trinken und dann zurückdenken an ein weiteres Ultra-Erlebnis in einer wirklich meist reizvollen Strecke.

Bilder und Ranglisten zum einzigen 50km-Lauf der Schweiz gibt’s unter
www.ultrabielersee.ch.

Ja, fast hätte ich es noch vergessen: am Vorabend starteten 6 Hartgesottene zu einem
100 Meilen-Lauf (4 x um den See ohne die St. Petersinsel –Passage).
Man kann sich das wirklich schwerlich vorstellen. Einen dieser Wahnsinnsläufer sahen wir einlaufen – ob noch mehr gefinisht haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Jacqueline Keller